Freiburgs gesichtslose Neubauten

Freiburg ist immer noch eine wirklich schöne Stadt. Bekannt als Solar-City, mit seinem Münster, nach dem Weltkrieg wunderschönen wiederaufgebauten Altstadt,  für seine „Bächle“ und seine hohe Lebensqualität, was auch dem quirligem Studentenleben zu verdanken ist.

In den letzten Jahren habe ich den Eindruck, dass in Freiburg die Großstadt-Ästhetik angekommen ist. Mit gesichtslosen Büro- und Hotelkomplexen, mit dicht bebautem „modernen“ Siedlungen, die mich mit ihrem funktionellem Design an die Trabantenstädte aus einem Asterix-Heft erinnern. Brauchen wir in den Städten nicht auch Grünflächen und Bäume, als Kontrast zu Stahl, Stein, Glas und Beton?

Bei den mir bekannten Bauprojekten in Freiburgs finde ich nichts Grünes. Ganz im Gegenteil: Bürger mussten dafür kämpfen, dass Bäume an einem zentralen Platz nicht gefällt werden. Viele „Quadratisch-Praktisch-Gut“-Bauten lassen das einstige Flair verblassen. Das Bahnhofsareal macht es anderen Großstädten nach: Spiegelnde Glasfassaden, tiefe Gebäudeschluchten, Bürokomplexe, Hotelketten. Austauschbar und unfreundlich. Bei an andere Stelle entstehenden Gebäuden meine mich die Abgrenzung und Kälte moderner, an die Gewinnmaximierung von Grundstückseignern und Immobiliengesellschaften orientierten Projekte zu spüren. Kapital und Business-Schick schlägt Lebensqualität. Und das trotz eines „grünen“ Bürgermeisters.

Freiburg konnte auch mal anders. Das Stadtteil Vauban gilt als mutiges Wohnexperiment. Wenn ich hier durch die Straßen schlendere, dann ist das Lebensgefühl für mich fast körperlich zu spüren: alternativ, dicht, lebhaft, kinderfreundlich und verbunden.

Ich wünsche mir mehr Mut, dass Städte sich den Charme auch bei Neubauten erhalten und alles dafür tun, die Lebensqualität der Bürger nachhaltig im Blick zu behalten. Dass in den Städten die Natur mehr Raum einnehmen kann. Dass Freiburg an Ideen wie das Stadtteil Vauban anknüpft. Auch wenn es mit dem aktuellen Immobilienpreisen und EU-Richtlinien sicher nicht einfach ist, sollte Lebensqualität und Natur nachhaltig vorgehen.

Es ist bald Wahl in Freiburg.

Bild-Quelle: PixabayCreative Commons CC0

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3 Gedanken zu „Freiburgs gesichtslose Neubauten

  1. Philipp

    Ich finde die gesichtslosen Neubauten auch schade. Als ich nach Freiburg gezogen bin, habe ich auch nicht verstanden, warum man hier so viele quadratisch anonyme Betonklötze hinsetzt und warum dieser in meinen Augen 08/15 Standard-Wohnraum immer noch außerordentlich viel kostet. Spekulationsobjekte? Der Preis steigt mit der Nachfrage … Nicht einmal die Qualität aller Neubauten scheint zu stimmen, sieht man etwa die Baumängel in den Westarkaden (http://www.badische-zeitung.de/freiburg/baumaengel-in-den-westarkaden-unmuessig-wehrt-sich-gegen-vorwuerfe–114859149.html).

    Bei einem Blick über die Stadt aus einem der Hochhäuser am Hauptbahnhof von ganz oben über die Stadt habe ich mich auch gewundert – es sagen doch viele, dass Freiburg so schön sei. Das kann ich für die Innenstadt bestätigen, aber große Teile des Stadtgebietes sind nicht schön, sondern langweilig, großstädtisch anonym.

    Traurig an der ganzen Situation ist, dass Freiburg ja ein Riesenproblem mit Mietwohnungsmangel hat und ich ja auch noch indirekt davon profitiere, dass mehr Wohnraum geschaffen wird, so dass ich dann selbst eine Chance habe, weiterhin stadtnah wohnen zu können. Ist es da etwa ein Luxusproblem, nicht nur viele Wohnungen, sondern zudem auch schöne, ökologisch nachhaltige Gebäude zu schaffen, die sich auch ins Stadtbild einfügen oder etwas ganz neues, mutiges, kreatives umsetzen? Wie wäre es z. B. mit einer Standardausstattung Gemeinschafts-Gemüsegarten auf dem Dach, wenn es schon ein Flachdach sein muss? 😉 Eine schöne Utopie?! Geräumige Gemeinschafts-Trockenräume, so dass man auf einen stromfressenden Trockner verzichten kann? Eine Standardausstattung mit überdachtem Fahrradabstellplatz statt „Zwangs-Tiefgaragenstellplatz fürs Auto“ – auch wenn man gar keins besitzt und dass man dann teuer bezahlen muss. Und ein Recht auf Komposthaufen?! 😉 Da ließe sich schon eine Menge unternehmen …

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    1. Thore

      Das Problem ist, dass diese Gebäude von Investoren gebaut werden. Reine Geschäftemacherei. An Gemeinschaftsflächen, Gärten auf dem Dach etcc braucht man da nicht groß zu denken, kostet in der Herstellung mehr und senkt daher den Gewinn beim Verkauf… Auf Gutmenschentun braucht man da nicht zu hoffen. Es sei denn, man kann diese Ausstattung werbewirksam vermarkten und alles nochmal teurer verkaufen… dann kommen diese Vorteile auch wieder nur einer bestimmten Schicht zugute.
      Potential in dieser Hinsicht haben in erster Linie Baugenossenschaften (z.B. die mehrfach ausgezeichnete Genossenschaft wagnis in München), wo sich Interessenten zusammenschließen und bauen… da können solche Werte verwirklicht werden. Dies scheitert nur meist an den hohen Grundstückspreisen…
      Schön und gemeinschaftlich und ökologisch wohnen geht in Deutschland – meiner misanthropischen Meinung nach – in Neubauquartieren quasi nicht. Da muss noch viel passieren, um die Kurve zu kriegen.

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      1. Martin Autor

        Danke Tore für Dein Kommentar. Klar sind Investoren an möglichst maximalen Gewinn interessiert. Ich frage mich, ob Freiburg keine Auflagen machen kann, um ökologischen und gemeinschaftlichen Wohnraum zu fördern. Und es gibt eine „Freiburger Stadtbau“, die mit gutem Beispiel voran gehen könnte…

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